Pascal Monti über die Kunst des Hörens, die Persönlichkeit eines Instruments und das unsichtbare Handwerk hinter großen Klavierabenden
Von Oxana Arkaeva
25. August, 2026
Opera Views: Die Besucherinnen und Besucher der Schubertiade erleben große Pianisten und große musikalische Momente. Sie gehören zu den Menschen, die im Hintergrund dafür sorgen, dass dies überhaupt erst möglich wird. Was geschieht mit einem Konzertflügel, bevor der Pianist den ersten Ton spielt?
Pascal Monti: Unser Konzertflügel gehört der Schubertiade und wird zunächst nach Schwarzenberg transportiert. Idealerweise kommt der Flügel drei bis vier Tage vor Festivalbeginn in den Saal, damit er sich akklimatisieren kann. Das Instrument besteht aus Naturmaterialien – insbesondere der Resonanzboden reagiert auf klimatische Veränderungen. Nach dem Transport kontrolliere ich deshalb beide austauschbaren Mechaniken des Flügels – eine für Solo- und eine für das Liedrepertoire – und überprüfe die Regulierung und die Intonation. Zwischen den Konzerten, dem Transport und dem Spiel verändert sich das Instrument. Ziel ist es, den Flügel an den Saal anzupassen, sodass ein schöner, tragender und singender Klang entsteht.
Opera Views: Sie haben Ihre Arbeit einmal als eine Art Vermittlung zwischen Pianist und Flügel beschrieben. Was bedeutet das konkret? Stimmen Sie einen Flügel – oder stimmen Sie ihn gewissermaßen auf den jeweiligen Pianisten ein?
Pascal Monti: Die Vermittlerrolle hat nichts mit der Stimmung zu tun. Es geht vielmehr um ein Abstimmen zwischen den Vorstellungen eines Pianisten und dem, was ich ihm als Konzerttechniker bieten kann. Zwischen dem Pianisten und mir findet ein Austausch statt, und ich muss abwägen, ob er zufrieden ist. Ich gebe dem Pianisten ein Werkzeug in die Hand, mit dem er oder sie arbeiten kann. Die Mechanik soll regelmäßig eingestellt und die Intonation ausgeglichen sein. Wenn für den Pianisten oder die Pianistin noch etwas nicht stimmt, versuche ich, die Wünsche zu erfüllen. Natürlich gibt es Grenzen. Aber dort, wo Anpassungen möglich sind, kann ich eingreifen.
Opera Views: In Ihrem Beruf steckt das Wort „Stimme“. Bei der menschlichen Stimme geht es um weit mehr als nur um die richtige Tonhöhe: um Klangfarbe, Lautstärke, Dynamik, Ausdruck und Persönlichkeit. Hat auch ein Flügel für Sie eine eigene Stimme, eine eigene Persönlichkeit – und wenn ja, wodurch entsteht sie?
Pascal Monti: Da kann ich ganz klar sagen: Ja. Jeder Flügel hat eine eigene Persönlichkeit, einen eigenen Klangcharakter, sein eigenes Timbre. Durch das Anschlagen der Hämmer werden die Saiten in Schwingung versetzt, wodurch der Resonanzboden ebenfalls in Schwingung gerät. Die Beschaffenheit des Resonanzbodens ist für die Klangtragfähigkeit essenziell. Der Flügel wird aus Holz und anderen natürlichen Materialien gefertigt, die auf ihre Umgebung reagieren. Deshalb verändert sich auch die Stimmung ständig. Es gilt nicht nur, das Schönste aus dem Instrument herauszuholen, sondern auch seine Grenzen zu erkennen. Banal gesagt: Ich kann aus einem VW Käfer keinen Ferrari machen. Das geht auch beim Klavier nicht.

Zwischen dem Pianisten und mir findet ein Austausch statt, und ich muss abwägen, ob er zufrieden ist. Ich gebe dem Pianisten ein Werkzeug in die Hand, mit dem er oder sie arbeiten kann.
Opera Views: Ein Sänger kann jeden Ton treffen und uns dennoch klanglich oder emotional nicht erreichen. Kann ein Flügel auch technisch perfekt gestimmt sein und trotzdem nicht wirklich gut klingen? Wann ist ein Instrument für Sie nicht nur richtig gestimmt, sondern auch wirklich gut?
Pascal Monti: Darüber könnten wir uns wahrscheinlich lange unterhalten – und vermutlich scheiden sich daran auch die Geister. Es gibt zwei Aspekte: die Klangfarbe und das Gefühl der Mechanik. Die Wahrnehmung der Klangfarbe ist sehr individuell. Für mich ist aber durchaus feststellbar, ob ein Flügel sogenannte ‚Klanglöcher‘ hat. Spielt man das Instrument chromatisch in gleichmäßigem Legato durch, werden solche Unterschiede hörbar. Pianistinnen und Pianisten besitzen zudem ein unglaublich feines Klangempfinden. Sie spüren kleinste Unterschiede – etwa wie tief eine Taste absinkt oder wie schnell sich der Hammerkopf bewegt.
Opera Views: Sie hören einen Flügel vermutlich ganz anders als die meisten Menschen im Konzertsaal. Was hören Sie, was wir möglicherweise gar nicht wahrnehmen? Kann man dieses besondere Hören erlernen oder braucht man dafür eine besondere Begabung?
Pascal Monti: Ja, ich höre anders als das Publikum; ich höre feinste Dynamikabstufungen und Klangfarben. Als Konzerttechniker braucht man eine Klangvorstellung: Wie soll dieser Flügel in diesem Saal klingen – offen und singend, heller oder dunkler? Klavierspielen zu können, hilft sehr. Man muss kein Konzertpianist sein, aber eine gewisse pianistische Fertigkeit ist wichtig, um das Instrument selbst testen, hören und spielen zu können. Auch Alfred Brendel hat dies in seinem Buch „Nachdenken über Musik“ sinngemäß beschrieben. Dieses besondere Hören kann man erlernen. Begabung hilft, aber entscheidend sind Erfahrung, Zeit, Geduld, Interesse an der Klanggestaltung und die Freude an der Arbeit mit dem Instrument.
Opera Views: Fachkräftemangel gibt es in vielen Industrie- und Handwerksbranchen. Wie sieht es beim Nachwuchs der Klavierbauer und -stimmer aus?
Pascal Monti: Nachwuchs wird gebraucht, und das Interesse junger Menschen ist durchaus vorhanden. Das größere Problem ist, eine Lehrstelle beziehungsweise einen Betrieb zu finden, der sich die Zeit für die Ausbildung nimmt. Auch Erwachsene wählen den Beruf zunehmend als zweiten Bildungsweg. In der Schweiz unterrichte ich selbst in überbetrieblichen Kursen am Kompetenzzentrum für Musikinstrumentenbau am Arenenberg. Pro Lehrjahr werden landesweit nur wenige Klavierbauerinnen und Klavierbauer ausgebildet. Klavierbau gehört zu den sogenannten Kleinstberufen. Gerade deshalb ist jeder Ausbildungsplatz wichtig, damit dieses Berufsfeld bestehen bleibt.
Opera Views: Eine perfekte Überleitung zu meiner nächsten Frage: Wie sieht Ihr Traumlehrling aus?
Pascal Monti: Mein Traumlehrling bringt echtes Interesse an Musik, Freude an feiner Detailarbeit und an der Klanggestaltung sowie handwerkliches Geschick mit. Man arbeitet mit Werkzeugen, Lacken und Leimen, ähnlich wie ein Schreiner mit Hobel und Stecheisen. Wichtig sind außerdem ein geschultes Gehör, Geduld, Feingefühl, ein gutes Auge – und eine Prise Besessenheit. Denn ein Instrument muss nicht nur gehört, sondern auch gesehen und gespürt werden. Menschenkenntnis und Freude am Umgang mit Musikerinnen und Musikern helfen schließlich dabei, diesen Beruf auch als Berufung zu leben.
Opera Views: Digitalisierung, neue Technologien und künstliche Intelligenz verändern viele Berufe. Was davon wird auch Ihren Beruf verändern – und was wird beim Stimmen und Gestalten des Klangs immer menschliche Erfahrung bleiben?
Pascal Monti: Ich denke, unser Beruf wird nur bedingt von der KI-Entwicklung betroffen sein. KI kann menschliches Ohr und Fingerspitzengefühl nicht ersetzen. Unser Beruf hängt eng mit handwerklichem Geschick zusammen, und die Technologie ist noch nicht so weit, dass sie es ersetzen kann. Hoffentlich wird es auch nie so weit kommen. Moderne Technik hat allerdings bereits Einfluss auf die Materialbearbeitung, die Fertigung und die Analyse. 3D-Druck wird beispielsweise im Klavierbau eingesetzt, auch für bestimmte Mechanikteile. Doch KI kann noch nicht klopfen, hören oder spüren.
Opera Views: Und wie immer bei Opera-Views gibt es eine Bonusfrage: Wenn es in Ihrem Leben niemals Klaviere gegeben hätte – was wäre dann aus Pascal Monti geworden?
Pascal Monti: Es hätte trotzdem etwas mit Musik zu tun. Eine große Leidenschaft von mir ist das Musiktheater, insbesondere die Arbeit als Musicaldarsteller. Die großen Zentren dafür sind London und New York, und ich hatte das Glück, mich mit vielen Musicals auseinanderzusetzen und selbst dabei zu sein: zu tanzen, zu singen und natürlich zu spielen. Wenn ich die Uhr noch einmal zurückdrehen könnte, hätte ich mich vielleicht von Anfang an intensiver damit beschäftigt. Aber ich hatte das Glück, es als leidenschaftliches Hobby ausleben zu können. Vielleicht im nächsten Leben.
Opera Views: Herr Monti, herzlichen Dank für das Interview. Ich wünsche Ihnen einen guten Abschluss der Schubertiade – und bis bald im Jahr 2027.