Wagners „Rienzi“ feiert im Jubiläumsjahr seine Bayreuther Premiere – musikalisch überwältigend, szenisch zwischen Aktualität und Überfrachtung
Vorstellung am 19. August 2026
Von Oxana Arkaeva
Es hat 150 Jahre gedauert. Ausgerechnet im Jubiläumsjahr der Bayreuther Festspiele schafft es Richard Wagners einst erfolgreichste Oper erstmals auf die Bühne des Festspielhauses: „Rienzi, der Letzte der Tribunen“. Ein bemerkenswertes Ereignis – nicht nur wegen der schwierigen Rezeptionsgeschichte des Werkes, sondern auch, weil sich hier ein Wagner entdecken lässt, der noch nicht der Wagner von „Tristan“, „Ring“ oder „Parsifal“ ist. Und doch ist er bereits erstaunlich oft zu hören.
„Rienzi“ – Wagners dritte vollendete Oper und sein erster überwältigender Bühnenerfolg. Die Uraufführung 1842 in Dresden machte den jungen Komponisten schlagartig bekannt. Musikalisch orientierte er sich noch stark an der französischen Grand Opéra, insbesondere an Meyerbeer: monumentale Chortableaus, politische Konflikte, Prozessionen, Schlachten, große Finali und eine spektakuläre Gegenüberstellung von Individuum und Masse.








Gleichzeitig ist der spätere Wagner hier nicht zu überhören. In orchestralen Übergängen zwischen den Akten, wiederkehrenden musikalischen Gedanken und insbesondere in Rienzis berühmtem Gebet „Allmächt’ger Vater, blick herab“ scheint bereits jene musikalisch-psychologische Verdichtung auf, die Wagner später in „Parsifal“ und „Tannhäuser“ perfektionieren sollte.
Vom Hoffnungsträger zum Gefangenen der eigenen Macht
Hintergrund
Die historische Figur Cola di Rienzo wollte im Rom des 14. Jahrhunderts die Macht rivalisierender Adelsfamilien brechen und eine neue politische Ordnung errichten. Wagner macht daraus die Geschichte eines Mannes, der vom Volk zum Hoffnungsträger erhoben wird – und schließlich an genau dieser Macht zerbricht.
Die Inszenierung von Alexandra Szemerédy und Magdolna Parditka, die mit „Rienzi“ ihr Bayreuth-Debüt geben, holt diese Geschichte radikal in die Gegenwart. Wahlkampf, dauerhafte Social-Media-Präsenz, Fake News, mediale Manipulation, Krieg und politische Selbstinszenierung bestimmen ihre dystopische Welt.
Das monumentale Bühnenbild besteht aus kubischen, an Plattenbauten erinnernden Wohnzellen. Die zugrunde liegenden Necker-Würfel spielen mit der Wahrnehmung: Was ist innen, was außen? Was ist Wirklichkeit, was Konstruktion? Eine treffende Metapher für eine Gesellschaft, in der Wahrheit zunehmend medial erzeugt wird.
Screens übertragen ständig Gesichter, Nachrichten und Ereignisse. Die Masse beobachtet, filmt, kommentiert und urteilt. Rienzi beherrscht diese Mechanismen zunächst – bis er selbst ihr Gefangener wird und daran zerbricht.
Die zentrale Frage des Abends lautet deshalb nicht: „Verführt Rienzi die Masse?“ Sondern vielmehr: Wer verführt hier eigentlich wen?
Das Volk projiziert seine Hoffnungen auf den charismatischen Politiker, während dessen Verehrung wiederum Rienzis Selbstverständnis verändert. Aus politischem Idealismus wird zunehmend Selbstinszenierung, aus Führung Verführung und schließlich Gewalt.
Zu viele Bilder für eine ohnehin monumentale Oper
Das Regieduo entwickelt dafür starke Bilder. Doch gerade hier liegt auch das Problem der Produktion. Wahlkampf, Live-Video, Smartphones, Fake News, Krieg, Geschlechterfluidität, religiöse Visionen, Bauhaus-Ästhetik und politische Anspielungen konkurrieren permanent miteinander. Zu Wagners ohnehin monumentaler Musik gesellt sich eine zweite, visuelle Monumentalität. Man weiß irgendwann kaum noch, wohin man schauen soll.
Gerade bei einem Werk dieser Länge führt die permanente Reizdichte paradoxerweise nicht zu größerer Nähe, sondern zu Distanz. Vieles ist intelligent gedacht, manches ist spektakulär anzusehen – emotional berührt die Inszenierung jedoch erstaunlich wenig.
Für Bayreuth wurde das ursprünglich mehr als fünf Stunden reine Musik umfassende Werk um etwa ein Drittel gekürzt. Dennoch bleiben Wiederholungen, Längen und szenischer Leerlauf.
Nathalie Stutzmann – die musikalische Stütze des Abends
Noch als Nummernoper deutlich erkennbar, hört man quasi einem Komponisten beim Wagner-Werden zu. Dass diese Inszenierung trägt, ist vor allem Nathalie Stutzmann zu verdanken.
Sie ist der musikalische Mittelpunkt dieser Aufführung. Unter ihrer Leitung entwickelt das Festspielorchester trotz der großen Besetzung bemerkenswerte Transparenz. Blech und Streicher bleiben ausbalanciert, intime Momente gewinnen Raum, ohne dass die monumentalen Steigerungen an Wucht verlieren. Vor allem aber hört Stutzmann den Sängern zu.
Das ist bei einer Partie wie Rienzi nicht zu unterschätzen. Stutzmann kennt als Sängerin selbst die physiologischen Anforderungen einer Stimme und scheint genau zu wissen, wann das Orchester tragen, wann es zurücktreten und wann es die Bühne geradezu emporheben muss.
So wird das Orchester zum dramaturgischen Partner und überbrückt manche szenische Leerstelle. Stutzmann lässt den späteren Wagner bereits aufscheinen, ohne aus „Rienzi“ künstlich einen „Ring“ zu machen.
Andreas Schager – ein Rienzi der Extreme
Und dann ist da Andreas Schager. Was diese Partie einem Tenor abverlangt, grenzt an vokalen Hochleistungssport. Kraft, Höhe, Projektion und vor allem Kondition müssen über Stunden hinweg verfügbar bleiben. Schager bewältigt diese Herausforderung nicht nur – er beherrscht sie.
Sein dunkel grundiertes Timbre besitzt Fokus und enorme Tragfähigkeit; die Höhe bleibt sicher, die Diktion klar. Beeindruckender als die schiere Kraft ist jedoch, dass Schager immer wieder zu Legato, Piano und dynamischer Differenzierung greift.
Der musikalische Höhepunkt kommt mit Rienzis Gebet „Allmächt’ger Vater, blick herab“. Hier verschwindet der Volkstribun für einen Moment. Zurück bleibt ein gebrochener Mensch. Schager nimmt die Stimme zurück, zeigt Innigkeit und Verletzlichkeit – und schafft damit einen der berührendsten Momente des Abends.
Auch darstellerisch zeichnet er eine überzeugende Entwicklung nach: vom Idealisten zum gefeierten Volkstribun, vom zunehmend getriebenen Machthaber bis hin zu einem Mörder und schließlich zu einem isolierten Menschen.
Drei Stimmen im Zentrum
Mit Gabriela Scherer als Irene und Jennifer Holloway als Adriano stehen ihm zwei Sängerinnen gegenüber, die dieser enormen vokalen und darstellerischen Belastung gewachsen sind.
Scherer ist eine elegante, intensive Irene mit saftiger Klangfarbe, schönem Legato und stabiler Höhe, wenngleich ein stellenweise ausgeprägtes Vibrato nicht zu überhören ist. Die Regie macht aus der Geschwisterbeziehung zwischen Rienzi und Irene zugleich eine erotische Verbindung und damit – gemeinsam mit Adriano – ein fluides Beziehungsdreieck. Die Bayreuther Fassung selbst misst dieser „ungesunden“ Beziehung bewusst größere Bedeutung bei und sieht darin bereits eine Vorausdeutung für Siegmund und Sieglinde in der „Walküre“.
Holloway gestaltet Adriano mit großer dramatischer Intensität. Ihre stabile Mittellage und ihr gutes Legato verbinden sich mit einer etwas breiteren Höhe zu einer Stimme, die zwischen lyrischen und dramatischen Momenten überzeugend wechseln kann. Vor allem aber macht sie Adrianos Dilemma zwischen Liebe, Familie und politischer Loyalität glaubwürdig und sehr menschlich.
Und dann ist da der Bayreuther Festspielchor. Er ist nicht eine Begleitung, sondern eine der Hauptfiguren dieses „Rienzi“: homogen, intonationssicher, rhythmisch präzise und mit hervorragender Artikulation. Vor allem gelingt es ihm, der Masse unterschiedliche Gesichter zu verleihen – Begeisterung, Verehrung, Forderung, Aggression und schließlich Brutalität.
Ein richtiger „Rienzi“ für 150 Jahre Bayreuth?
Gerade wegen seiner kontroversen Geschichte ist „Rienzi“ vielleicht das richtige Werk für dieses Jubiläum.
Die häufig wiederholte Behauptung, es habe sich um Hitlers „Lieblingsoper“ gehandelt, lässt sich historisch nicht belegen. Unbestreitbar ist jedoch die Vereinnahmung des Werkes durch den Nationalsozialismus und damit seine besondere Rezeptionsgeschichte.
Bayreuth versucht 2026 nicht, diese Vergangenheit zu umgehen. Stattdessen stellt die Produktion Fragen, die weit über sie hinausreichen: Wie entsteht Charisma? Warum übertragen Menschen Verantwortung auf politische Heilsfiguren? Wann wird aus Führung Verführung? Und wie schnell kann sich eine Masse gegen denjenigen wenden, den sie selbst emporgehoben hat?
Musikalisch ist diese Bayreuther Erstaufführung ein Ereignis. Szenisch bleibt sie trotz – oder gerade wegen – ihrer Bilderflut auf Distanz.
Und dennoch lohnt sich dieser „Rienzi“. Vielleicht gerade deshalb, weil er nicht vollkommen ist.
Denn zwischen Grand Opéra, Nummernoper und den ersten Ansätzen des Musikdramas hört man einen jungen Komponisten, der auf der Suche nach einer eigenen Sprache ist.
Vor Wagner war eben schon Wagner.
Bayreuther Festspiele · 19. August 2026
Richard Wagner:Rienzi, der Letzte der Tribunen
Große tragische Oper in fünf Akten
Libretto: Richard Wagner
Nach dem Roman Rienzi, the Last of the Roman Tribunes von Edward Bulwer-Lytton
Entstehung: hauptsächlich 1838–1840
Uraufführung: 20. Oktober 1842, Königliches Hoftheater Dresden
Besetzung 2026
Musikalische Leitung:Nathalie Stutzmann
Regie:Alexandra Szemerédy,Magdolna Parditka
Bühne:Alexandra Szemerédy,Magdolna Parditka
Kostüme:Alexandra Szemerédy,Magdolna Parditka
Licht:Bernd Gallasch
Video: Leonard Koch
Dramaturgie:Markus Kiesel
Chorleitung:Thomas Eitler-de Lint
Cola Rienzi, päpstlicher Notar:Andreas Schager
Irene, seine Schwester:Gabriela Scherer
Steffano Colonna, Haupt der Familie Colonna:Andreas Bauer Kanabas
Adriano, sein Sohn: Jennifer Holloway
Paolo Orsini, Haupt der Familie Orsini:Michael Kupfer-Radecky
Kardinal Raimondo, päpstlicher Legat:Vitalij Kowaljow
Baroncelli:Matthias Stier
Cecco del Vecchio:Joachim Goltz
Ein Friedensbote:Victoria Randem