„Una furtiva lagrima“ zwischen Basketballkorb und Smartphone
Premiere der Opernstudio-Produktion der Bregenzer Festspiele am 17. August 2026 im Theater am Kornmarkt
Von Oxana Arkaeva
Was braucht es, damit aus unerwiderter Liebe plötzlich erwiderte Liebe wird? Einen Zaubertrank? Eine Portion Mut? Oder schlicht jenen Augenblick, in dem zwei Menschen aufhören, voreinander Rollen zu spielen? Fast 200 Jahre nach seiner Uraufführung hat Gaetano Donizettis L’elisir d’amore (Liebestrank) nichts von seiner Aktualität verloren. Hinter der vermeintlich leichten Komödie stehen Fragen nach Liebe, Selbstwert, Täuschung und der Sehnsucht, geliebt zu werden.
Die Geschichte
Nemorino liebt die selbstbewusste Adina, doch sie weist ihn zunächst zurück und lässt sich stattdessen auf den eitlen Belcore ein. Der verzweifelte Nemorino kauft vom Quacksalber Dulcamara einen vermeintlichen Liebestrank, der in Wahrheit nur Wein ist, und hofft auf dessen Wirkung. Als plötzlich alle Frauen Interesse an ihm zeigen, glaubt er an die Kraft des Tranks – tatsächlich wissen sie lediglich, dass Nemorino unerwartet ein Vermögen geerbt hat. Schließlich erkennt Adina ihre eigenen Gefühle für ihn, löst seinen Militärvertrag auf und gesteht ihm ihre Liebe.
Inszenierung
Bei den Bregenzer Festspielen erhält die Oper in Anna Kelos Inszenierung eine ordentliche Verjüngungskur: Aus dem italienischen Dorf des 19. Jahrhunderts wird eine Highschool, aus den Protagonisten eine Gruppe junger Menschen auf der Suche nach Liebe, Identität und Zugehörigkeit.
Inspiriert unter anderem von der Netflix-Serie Sex Education, zeichnet Kelo eine Highschool-Welt voller Smartphones, Selfies und TikTok-Videos. Sie versteht L’elisir d’amore als Coming-of-Age-Geschichte über Selbstfindung, Sexualität, erste Liebe und die Unsicherheiten junger Menschen.
Grundsätzlich funktioniert diese Übertragung erstaunlich gut und kann einer jungen Generation einen unmittelbaren Zugang zu Donizettis Oper ermöglichen. Weniger überzeugt die permanente szenische Betriebsamkeit – besonders bei Nemorinos „Una furtiva lagrima“ („Eine heimliche Träne“).
Emanuel Tomljenović singt die Arie berührend und mit großer lyrischer Selbstverständlichkeit, während zahlreiche Parallelhandlungen zwischen ihm und der Musik ablenken. Hier arbeitet die Inszenierung eher gegen Donizetti.
Denn dramaturgische Ruhe bedeutet keinen Stillstand: Sie schafft Kontrast, bündelt Aufmerksamkeit und gibt Emotionen Raum. Wo Aktion keinen Gegenpol findet, verliert auch Bewegung an Wirkung.
Ein angedeutetes Liebesdreieck zwischen Giannetta, Nemorino und Adina lässt aufhorchen, wird jedoch nicht konsequent weiterentwickelt. Auch das Verhältnis zwischen Belcore und Adina bleibt trotz interessanter Ansätze szenisch zu wenig klar herausgearbeitet.
Auffällig ist zudem der exzessive Alkoholkonsum während der Party im zweiten Akt. Für eine Inszenierung, die ausdrücklich eine junge, heutige Generation zeigen will, wirkt dieses Bild überraschend konventionell und bleibt eher an der Oberfläche.
Bühne und Kostüme
Tinde Lappalainen entwirft eine farbige, spielerisch überhöhte Highschool-Welt mit Anklängen an die 1970er- und 1980er-Jahre sowie an die Rap-Kultur. Schulhof und Tribüne des ersten Aktes weichen nach der Pause Adinas Party.
Nemorinos mit rund 700 herzförmigen Pailletten besetzte Hose ist zwar ein Blickfang, trägt jedoch kaum zur Figurzeichnung bei. Schlüssiger wirkt Dulcamaras voluminöser Mantel voller Wundermittel, der ihn sofort als eine Art Rap-Godfather charakterisiert.
Adinas pinkfarbene Lederjacke und späteres Paillettenkleid lassen sie eher als Influencerin als als selbstbewusste junge Frau erscheinen. Giannetta wiederum entwickelt sich optisch vom Punk zur eleganten jungen Frau.
Orchester
Die temperamentvolle italienische Dirigentin Danila Grassi führt das wunderbar klingende Symphonieorchester Vorarlberg mit viel Energie durch die Partitur. Die Tempi sind häufig sehr flott, stellenweise beinahe zu forciert, und das Orchester dominiert die jungen Stimmen gelegentlich.
Gleichzeitig versteht Grassi es ausgezeichnet, große dynamische Bögen zu entwickeln. Dem Orchester entlockt sie ein kraftvolles, sattes Forte ebenso wie atmosphärische Pianissimi – besonders eindrucksvoll in „Una furtiva lagrima“, in Adinas „Prendi, per me sei libero“ (Nimm es – ich schenke dir die Freiheit) und in der finalen Chorszene um Giannetta.
Die Stimmen
Die Produktion entstand im Rahmen des Opernstudios der Bregenzer Festspiele in Kooperation mit dem internationalen Gesangswettbewerb NEUE STIMMEN der Liz Mohn Stiftung. Das Projekt bietet jungen Sängerinnen und Sängern die Möglichkeit, große Repertoirepartien unter professionellen Bedingungen zu erarbeiten.
Dieses Sängerensemble zeichnet sich durch stimmliche Beweglichkeit, gutes Legato, Atemökonomie, Textverständlichkeit und komödiantisches Timing aus.
Das Ensemble ist hervorragend vorbereitet und vermittelt durchgehend Freude am Singen und Spielen – ein großes Lob an das Einstudierungsteam.
Iana Aivazian besitzt als Adina einen schönen, bereits recht körperreichen Sopran und ein gutes Legato. Für die Leichtigkeit der Partie wirkt die Stimme jedoch stellenweise etwas groß. Koloraturen erscheinen mitunter eher durchgehuscht als ausgeformt, auch die Intonation bleibt nicht immer ganz präzise. Dynamisch wünscht man sich stärkere Differenzierungen und mehr spielerische Leichtigkeit. Ihr stärkster Moment ist an diesem Abend „Prendi, per me sei libero“, in dem sie zu größerer Ruhe und musikalischer Gestaltung findet.
Emanuel Tomljenović bildet als Nemorino das emotionale und musikalische Zentrum der Aufführung und erweist sich als nahezu ideale Besetzung. Sein leichter, gut fokussierter Tenor verfügt über eine freie Höhe, eine tragfähige Mittellage und ein natürlich fließendes Legato. Auch lyrische Steigerungen gelingen ihm, ohne dass er je forcieren muss. Darstellerisch zeichnet er Nemorinos Tollpatschigkeit mit großem Charme, ohne ins Klischee des Dorftrottels zu geraten. Seine „Una furtiva lagrima“ wird trotz der szenischen Unruhe zu einem der musikalischen Höhepunkte des Abends.
Yiorgo Ioannou gestaltet Belcore zunächst bewusst selbstgefällig und eindimensional. Sein junger Bariton ist noch nicht vollständig entfaltet, weist jedoch eine angenehm saftige Klangfarbe auf. Bereits „Come Paride vezzoso“ (Wie der reizende Paris) zeigt sein gutes komödiantisches Timing. Im Laufe des Abends gewinnt die Stimme zunehmend an Präsenz und auch die Figur an Profil.
Davide Piva ist als Dulcamara stimmlich wie darstellerisch eine Erscheinung und wird zum Motor der Komödie. Dabei verfällt er weder in reine Buffo-Routine noch überzeichnet er den gutmütigen Gauner. Seine große Auftrittsarie „Udite, udite, o rustici“ (Hört, hört, ihr Landsleute) lebt von exzellenter Textartikulation und präzisem Timing. Sein Bariton klingt kräftig und farbenreich, sein Parlando ist flexibel, sein Legato sicher.
Ein besonderer Geheimtipp des Abends ist Tanja Jannelli als Giannetta. Ihr voller, dunkel timbrierter Sopran lässt unmittelbar aufhorchen. Die Stimme besitzt zugleich Substanz und Leichtigkeit; dazu kommen große Musikalität und bemerkenswerte Bühnenpräsenz. Man wünschte, man hätte ihr an diesem Abend gerne noch mehr zu singen gegeben.
Ein kleiner Chor mit großer Wirkung
Anna Kelo verzichtet bewusst auf einen großen anonymen Chor. Stattdessen besteht die Gruppe aus elf individuell konzipierten Persönlichkeiten. Gerade hier gelingt, was bei den Hauptfiguren nicht immer selbstverständlich ist: Es entstehen erkennbare Charaktere und ein glaubwürdiges soziales Gefüge.
Auch stimmlich überzeugt das Ensemble. Der kleine Chor klingt erstaunlich kräftig, homogen und präzise und lässt einen großen traditionellen Opernchor keineswegs vermissen.
Zwischen kluger Aktualisierung und zu viel Aktion
Bunt, jung und voller Einfälle präsentiert sich Donizettis L’elisir d’amore in Bregenz zweifellos. Doch Aktualität entsteht nicht allein durch Smartphones, Highschool-Kostüme und popkulturelle Referenzen. Nicht jeder Regieeinfall hält den ganzen Abend. Und gerade dort, wo die permanente Betriebsamkeit zurücktritt und Kelo ihren Figuren und Donizettis Musik vertraut, entstehen die stärksten Momente.
Vielleicht liegt darin auch die eigentliche Erkenntnis dieses Abends: Donizettis L’elisir d’amore braucht gar keinen zusätzlichen Zaubertrank. Seine Mischung aus Komik, Melancholie und menschlicher Sehnsucht wirkt noch immer ganz von selbst.
Das Premierenpublikum feierte jedenfalls das junge Ensemble und das Produktionsteam mit kräftigen Bravorufen.
Bregenz Festival 2026
Gaetano Donizetti: L’elisir d’amore
Melodramma in two acts
Libretto by Felice Romani after Eugène Scribe’s Le Philtre
Premiere: 17 August 2026, Theatre am Kornmarkt, Bregenz
Conductor: Danila Grassi
Director: Anna Kelo
Set and Costume Design: Tinde Lappalainen
Chorus Master: Jakob Peböck
Orchestra: Vorarlberg Symphony Orchestra
Adina: Iana Aivazian
Nemorino: Emanuel Tomljenović
Belcore: Yiorgo Ioannou
Dulcamara: Davide Piva
Giannetta: Tanja Jannelli








