Wenn die Scherben stärker sprechen als die Liebe

Verdis La traviata auf der Bregenzer Seebühne zwischen großer Bildkraft und emotionaler Distanz

Vorstellung am 18. August 2026 

Von Oxana Arkaeva

Ein gigantischer zerbrochener Spiegel beherrscht die Seebühne der Bregenzer Festspiele. Seine Splitter liegen im Wasser, werden zu Inseln, Spielflächen und Projektionsflächen, vervielfachen Menschen und Bilder – und erzählen bereits vor dem ersten gesungenen Wort vom Zerbrechen: einer Gesellschaft, einer Liebe, eines Körpers und letztlich eines Lebens.
Damiano Michieletto stellt Verdis La Traviata damit vor eine besondere Herausforderung: Wie lässt sich eines der intimsten Dramen des Opernrepertoires auf einer Bühne erzählen, die nach großen Bildern verlangt? Über weite Strecken gelingt ihm das erstaunlich gut. Doch nicht immer erreichen die Beziehungen zwischen den Menschen dieselbe Intensität wie die Bilder, die sie umgeben.

Der eigentliche Star des Abends: der zerbrochene Spiegel
Paolo Fantins Bühnenbild bleibt trotz der enormen Dimensionen elegant, farblich zurückhaltend, kunstvoll ausgeleuchtet und ausdrucksstark. Der große monumentale gebrochene Spiegel bildet den dramaturgischen Mittelpunkt und die große Attraktion des Abends.
Seine Symbolik ist unmittelbar und vielschichtig: Violettas Selbstbild und das Bild, das die Gesellschaft von ihr entwirft, passen nicht mehr zusammen. Zugleich steht der Spiegel für ihre zerbrochene Welt, ihre Gesundheit und eine Gesellschaft, die Menschen aus unterschiedlichen Blickwinkeln betrachtet, bewertet und vervielfacht. Gleichzeitig agiert der Spiegel als eine Videoleinwand, auf der man die Close-ups der Gesichter der Protagonisten sieht und die verborgenen Geschichten und Hintergründe einzelner Handlungen erfährt.


Besonders wirkungsvoll wird das Bühnenbild dort, wo die großen Splitter zu kleinen Inseln werden. In „È strano“ etwa entsteht auf einer solchen Scherbe eine intime Seeleninsel Violettas – ein erstaunlich stiller Moment mitten in der Monumentalität. Zwischen den Inseln gibt es keine Brücken. Wer zueinanderkommen will, muss durchs Wasser. Die Figuren leben buchstäblich in verschiedenen Welten und bleiben letztlich mit ihren Entscheidungen und Schicksalen allein.

Durchs Wasser zur Freiheit?
Das Wasser ist mehr als ein Bregenzer Effekt. Zu Beginn wird es zum Pool einer dekadenten Pariser Gesellschaft, einer ausgelassenen Partywelt, die Violettas Milieu unmittelbar sichtbar macht. Doch Wasser bietet auch Widerstand. Jeder Schritt wird schwerer, die Kleidung wird nass, Bewegungen verlieren ihre Selbstverständlichkeit. Gerade für Violetta wird daraus ein starkes Bild: Sie versucht, sich gesellschaftlich, emotional und körperlich frei zu bewegen – und wird doch immer wieder zurückgehalten. Das hörbare Plätschern gehört zu den wenigen Schwächen der ansonsten hervorragenden Tonübertragung. Stimmen und Orchester klingen erstaunlich natürlich, die akustische Ortung funktioniert selbst bei Bewegung überzeugend, individuelle Timbres bleiben erhalten, auch Pianissimi werden glaubhaft wiedergegeben. Lediglich in großen Ensembleszenen verliert sich die eindeutige Zuordnung einzelner Stimmen gelegentlich.


Ein schwarzes Loch, ein Auge, ein Mond
Zu den eindrucksvollsten Bildern gehört die fast sechs Meter große schwarze Kugel, die langsam aus dem Zentrum des zerbrochenen Spiegels hervortritt. Was zunächst wie ein schwarzes Loch erscheint, das alles verschlingen könnte, verändert seine Wirkung: Es wird zum alls?ehenden Auge und schließlich zu einem schwarzen Mond über Violetta. Zugleich wird es selbst wieder zum Spiegel. In seiner dunklen Fläche erscheint ihre winzige Silhouette fast verloren und bereits im Verschwinden begriffen.


Eine Violetta, die arbeiten muss
Marjukka Tepponens Sopran besitzt ein dunkles Timbre und kann sowohl saftig als auch zart klingen. Die Höhe gelingt frei, die Koloraturen überwiegend sauber, ihre Piani sind schön geführt und getragen. Gleichzeitig wirkt die Mittellage häufig breit, gelegentlich tritt ein Tremolo hinzu. Dadurch klingt „Sempre libera“ eher nach Arbeit als nach wirklich freiem Sein. Nach der Pause verändert sich der Eindruck deutlich: Tepponen wirkt sicherer und ausdrucksstärker. In „Dite alla giovine“ entsteht Emotionalität vor allem durch die Phrasierung, während „Addio del passato“ zum vokalen Höhepunkt des Abends wird. Eine überzeugende klangliche Entwicklung der Figur über die drei Akte hinweg bleibt dennoch nur eingeschränkt wahrnehmbar. Auch ihre Körpersprache erschwert bisweilen die Wirkung auf der riesigen Bühne. Immer wieder singt Tepponen gebeugt und zum Boden hinab. Das mag Violettas inneren Zustand spiegeln; jedoch auf einer Seebühne – außer in den Videoprojektionen – nimmt diese dauerhafte Haltung der Figur die Präsenz.


Eine Liebe, die kaum entsteht
Julien Behr bleibt als Alfredo sowohl stimmlich als auch darstellerisch eher in der zweiten Reihe. Sein heller, offener Tenor ist technisch solide geführt, wirklicher tenoraler Schmelz entsteht jedoch kaum.
Problematischer ist die Beziehung zu Violetta. Zwischen Tepponen und Behr entwickelt sich kaum erotisches Knistern. Auch klanglich verschmelzen ihre Stimmen kaum miteinander. Interessanterweise harmoniert Tepponens dunkleres Timbre stärker mit Vladimir Stoyanovs Germont als mit Behrs hellem Tenor.
Stoyanov überzeugt mit einem stabilen, sonoren und angenehmen Bariton, gutem Legato und klarer Textverständlichkeit. Seine dynamische Gestaltung bleibt allerdings über längere Strecken gleichförmig, auch als Figur wirkt Germont zunächst zurückgenommen. Erst in Violettas Sterbeszene entfaltet sich sein Klang deutlich wärmer.


Gewalt wird weitergereicht
Michieletto setzt in der Beziehung zwischen Germont und seinem Sohn einen interessanten Akzent. Als Germont Alfredo nach dessen Demütigung Violettas eine Ohrfeige verpasst, wird seine väterliche Autorität als Macht und Kontrolle sichtbar. Hinter Familie, Ehre und gesellschaftlicher Ordnung steht notfalls körperliche Gewalt. Alfredo bleibt dem Vater unterworfen – und gibt diese Macht weiter. Wenn er Violetta öffentlich ihr prachtvolles, aus Spiegelsplittern bestehendes Kleid vom Körper reißt, wird die Szene zur Entmächtigung. Er nimmt ihr nicht nur die gesellschaftliche Hülle, sondern auch Schutz und Selbstbestimmung. Zurück bleibt sie in einem weißen seidenen Unterkleid mit einem dunklen Fleck am Bauch: Krankheit und Tod sind längst Teil von ihr. So entsteht eine Kette der Gewalt: Der Vater schlägt den Sohn, der Sohn entblößt die Frau. Die Gewalt wandert die gesellschaftliche Hierarchie hinab.


Zwischen Moulin Rouge und Höllenfahrt
Ganz anders funktionieren die großen Ensembleszenen. Chor, Tanz und Statisterie agieren rhythmisch hervorragend, die Choreografie unterstützt Verdis musikalischen Puls, ohne ihn zu überdecken.
Die dekadente Poolparty zu Beginn charakterisiert Violettas gesellschaftliche Welt unmittelbar. Noch stärker ist die beinahe höllische Bacchanalie später im Stück: Aus dem reduzierten Bühnenraum erhebt sich ein rotglühender Ring, schwarz-rot gekleidete Tänzer steigen wie aus einer Unterwelt empor, und die Seebühne verwandelt sich für einen Moment in ein dämonisches Moulin Rouge. Das ist großes Theater – und zugleich ein prägnantes Bild für die Hölle, durch die Violetta gehen muss.


Energie ohne immer inneren Atem
Kirill Karabits und die Wiener Symphoniker setzen auf energische, häufig sehr schnelle Tempi. Der musikalische Zug ist unbestreitbar und wird konsequent durchgehalten. Gelegentlich entstehen dabei Koordinationsprobleme zwischen Orchester und Bühne.
Die Balance zwischen Orchester und Bühne gelingt dagegen ausgezeichnet. Die Sänger müssen nicht gegen den Orchesterklang ankämpfen, selbst leise dynamische Abstufungen bleiben im riesigen Freilufttheater hörbar.


Wenn die Bilder stärker sind als die Menschen
Michieletto erzählt in Bregenz eine Traviata des Zerbrechens und Zersplitterns: Gefühle, Beziehungen, gesellschaftliche Ordnung, Gesundheit und individuelle Schicksale zerfallen in Einzelteile.
Viele seiner Bilder besitzen große Kraft. Gerade darin liegt jedoch auch die Ambivalenz des Abends. Der zerbrochene Spiegel, die schwarze Kugel entwickeln mehr Persönlichkeit als mancher Protagonist und besitzen mehr Präsenz als manche zwischenmenschliche Begegnung. Für eine Produktion auf dem Bodensee muss das kein Makel sein. Das Spiel auf dem See lebt vom Spektakel und darf dabei seine technischen und visuellen Möglichkeiten ausreizen. Doch La Traviata lebt von Menschen, die einander lieben, verletzen, verlieren und zu spät verstehen.
An diesem Abend bleiben vor allem die Scherben im Gedächtnis.
Vielleicht ist genau das die konsequenteste Aussage dieser Bregenzer Traviata: Die Welt Violettas zerbricht so vollständig, dass am Ende selbst die Liebe nur noch als Spiegelbild zwischen den Splittern erscheint.


Bregenz Festival 2026
Giuseppe Verdi: La Traviata
Melodramma in drei Akten (1853)
Libretto von Francesco Maria Piave nach dem Roman La Dame aux camélias und der gleichnamigen Schauspieladaption von Alexandre Dumas dem Jüngeren

Besetung:
Violetta Valéry: Marjukka Tepponen
Alfredo Germont: Julien Behr
Giorgio Germont: Vladimir Stoyanov
Flora Bervoix: Angela Simkin
Gastone: Francisco Brito
Barone Douphol: Michael C. Havlicek
Dottore Grenvil: Stanislav Vorobyov
Marchese d’Obigny: Janne Sihvo
Annina: Melissa Zgouridi
Giuseppe: Aaron Godfrey-Mayes

Musikalische Leitung
Kirill Karabits

Statisterie der Bregenzer Festspiele
Bregenzer Festspielchor
Leitung Benjamin Lack
Prager Philharmonischer Chor
Leitung Lukáš Kozubík
Wiener Symphoniker

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