Konstantin Krimmel springt bei der Schubertiade kurzfristig für Andrè Schuen ein – und macht Brahms’ „Die schöne Magelone“ gemeinsam mit Daniel Heide zu einem musikalischen, erzählerischen und überraschend unterhaltsamen Ereignis.
Manchmal ist eine kurzfristige Absage das Beste, was einem Publikum passieren kann. Nicht für den erkrankten Künstler natürlich – wohl aber für jene, die dadurch Zeugen eines Abends werden, der so ursprünglich gar nicht geplant war und gerade deshalb lange in Erinnerung bleibt.

Am 24. August kam es bei der Schubertiade in Schwarzenberg zu einem solchen Glücksfall. Andrè Schuen musste seinen Liederabend im Angelika-Kauffmann-Saal krankheitsbedingt absagen. Konstantin Krimmel verlängerte kurzerhand seinen Aufenthalt und übernahm gemeinsam mit Daniel Heide Johannes Brahms’ „Die schöne Magelone“ op. 33 – alle fünfzehn Romanzen nach Ludwig Tieck.
Ein Einspringen ist niemals nur eine Herausforderung für den Sänger. Auch der Pianist muss sich innerhalb kürzester Zeit auf einen anderen Partner, eine andere Stimme, Atembögen, Tempi und interpretatorische Vorstellungen einstellen. In diesem Fall kam noch etwas hinzu: Wie Krimmel im persönlichen Gespräch beim Autogrammsignieren nach dem Konzert erzählte, wurde die ursprünglich für Schuen vorbereitete Magelone für ihn einen Ton tiefer gespielt. Eine beachtliche zusätzliche Leistung für Daniel Heide.
Was daraus entstand, hatte dennoch nichts von einem Notbehelf.
Noch bevor Krimmel den ersten Ton sang, bekam der Abend eine menschliche Dimension. In einer kurzen Ansprache wünschte er seinem erkrankten Kollegen gute Besserung und erklärte bescheiden, er werde sich bemühen, ein guter Ersatz zu sein. Das Publikum antwortete mit großem Applaus.
Dann kündigte Krimmel eine Überraschung an: Er werde nicht nur Brahms’ fünfzehn Romanzen singen, sondern auch die verbindenden Passagen aus Tiecks Geschichte selbst rezitieren – ein „kostenloses Upgrade“, wie er sympathisch bemerkte.
Und genau dieses Upgrade wurde zum Gewinn des Abends.
Wenn der Sänger zum Erzähler wird
Brahms’ Romanzen erzählen die Handlung nicht kontinuierlich. Sie sind vielmehr emotionale Haltepunkte der Geschichte: Aufbruch, Verliebtheit, Glück, Zweifel, Trennung, Sehnsucht und Wiedervereinigung. Durch Krimmels Rezitation entstand daraus ein zusammenhängendes Ganzes: Das gesprochene Wort erzählte, was geschieht; die Musik ließ erleben, was es mit den Menschen macht.
Der Wechsel zwischen Rezitation und Gesang verlangt dabei besondere Flexibilität. Die Sprechstimme braucht Natürlichkeit und erzählerischen Fluss, bevor der Künstler unmittelbar wieder in musikalischen Atem, Legato und vokale Linie finden muss.
Krimmel gelang das mit bemerkenswerter Selbstverständlichkeit. Neben seinem warmen Bariton entdeckte man eine wunderschöne, weiche Sprechstimme. Elegant, bescheiden und dennoch mit gewinnender Präsenz stellte er vom ersten Moment an eine Verbindung zum Publikum her.
Krimmel ist aus der Schubertiade mittlerweile kaum mehr wegzudenken, und seine künstlerische Entwicklung lässt sich hier seit Jahren verfolgen. Seine Diktion ist makellos, das Legato fließend, die Phrasierung organisch, die Dynamik fein differenziert und niemals übertrieben.
Er singt, als gäbe es keine Anstrengung.
Gleichzeitig wirkt seine Interpretation reifer. Hinter vokaler Schönheit und technischer Souveränität ist zunehmend jene Tiefe zu hören, die nicht allein aus Technik entsteht, sondern aus künstlerischer und menschlicher Erfahrung.
Ein Pianist, der mitsingt
Mit Daniel Heide stand Krimmel sein bewährter Klavierpartner zur Seite. Zwei Künstler, die aufeinander eingespielt sind und dennoch ihre Individualität bewahren.
Heide begleitet nicht einfach. Er singt mit.
Sein Spiel ist filigran, aufmerksam und niemals überzeichnet, dabei jederzeit präsent. Gerade bei Brahms ist das Klavier weit mehr als Begleitung: Es kommentiert, verdichtet Stimmungen und führt Gedanken weiter, die die Stimme längst beendet hat.
Dass Heide dies unter den Bedingungen eines kurzfristigen Sängerwechsels und der zusätzlichen Transposition mit solcher Selbstverständlichkeit bewältigte, machte seine Leistung umso bemerkenswerter.
Peter, Magelone – und die Sache mit den Männern
Und dann ist da diese Geschichte.
Der junge Ritter Peter verlässt sein Elternhaus auf der Suche nach Abenteuern und begegnet der schönen Königstochter Magelone. Beide verlieben sich – wobei Magelone durchaus Initiative zeigt: Sie küsst den Ritter zuerst. Der traut sich nämlich nicht. Peter weint vor Glück – und fängt an zu singen.
Überhaupt ist Peter eine reizvolle Figur: mutig, leidenschaftlich und voller Tatendrang. Mit der Voraussicht hapert es allerdings gelegentlich.
Auf der gemeinsamen Flucht schläft Magelone im Wald ein. Peter beschäftigt sich mit den drei Ringen, die er ihr geschenkt hat, ein Vogel schnappt sie sich – und wenig später sind nicht nur die Ringe verschwunden, sondern auch der Ritter. Peter gerät aufs Meer und schließlich in die Fremde.
Magelone dagegen erwacht allein und muss feststellen, dass ihr schöner Ritter verschwunden ist.
Männer!
Peter hat währenddessen erstaunliches Glück. In der Fremde wird er nicht als Feind behandelt, sondern freundlich aufgenommen. Beinahe entwickelt sich mit der Tochter des Sultans, Sulima, sogar die nächste Liebesgeschichte. Doch Peter zieht es zurück in die Heimat.
Dort begegnet er schließlich einer schönen blonden Frau – und schafft es nach etwa zwei Jahren Trennung zunächst tatsächlich nicht, seine eigene Magelone zu erkennen.
Doch Magelone verzeiht. Die beiden finden wieder zueinander.
Keine klassische Romeo-und-Julia-Geschichte also, sondern eine romantische Ritter-, Abenteuer- und Liebesgeschichte – glücklicherweise mit Happy End. Und zugleich eine Geschichte über einen jungen Mann, der mutig aufbricht, immer wieder impulsiv handelt und durch seine Abenteuer allmählich reift.
Mehr als ein Ersatz
Aus einem kurzfristigen Einspringen wurde ein Abend voller Musik, Humor und Menschlichkeit. Krimmels Verbindung von Rezitation und Gesang machte aus Brahms’ Romanzen beinahe ein kleines Ein-Mann-Theater mit Klavier.
Der begeisterte Applaus wollte kaum enden.
Konstantin Krimmel war als Ersatz eingesprungen. Was das Publikum bekam, war ein Glücksfall.