Verdis „Messa da Requiem“ mit C.H.O.I.R. 2026 in der Liebfrauenkirche Ravensburg
Ravensburg, 16. August 2026
Von Oxana Arkaeva

Rund 190 junge Sängerinnen und Sänger aus elf Regionen, elf gemeinsame Probentage – und eines der anspruchsvollsten Werke der chorsinfonischen Literatur. Was nach einem ambitionierten internationalen Jugendprojekt klingt, entwickelte sich am Sonntagabend in der Liebfrauenkirche Ravensburg zu einer Aufführung auf exzellentem Niveau.
Unter der Leitung von Michael Alber musizierten der Festivalchor C.H.O.I.R. 2026 und das Era Nova Orchestra, Budapest mit Maryna Zubko (Sopran), Jasmin Etminan (Mezzosopran), Joshua Owen Mills (Tenor) und Martin Summer (Bass).
Aus Trauer wird Musik
Verdis Messa da Requiem entstand aus persönlicher Trauer und Verehrung. Nach dem Tod des von ihm hochgeschätzten italienischen Schriftstellers Alessandro Manzoni 1873 entschloss sich Verdi, ihm eine Totenmesse zu widmen. Am ersten Todestag Manzonis, dem 22. Mai 1874, wurde das Werk unter Verdis Leitung in der Kirche San Marco in Mailand uraufgeführt.
Das Requiem ist die Totenmesse der römisch-katholischen Liturgie: ein Gebet für die Verstorbenen, das von Tod und Gericht, aber auch von Erlösung und der Hoffnung auf ewiges Leben erzählt.
Mehr als 150 Jahre später bekommen diese Worte eine erschreckende Aktualität. Angesichts des Krieges in der Ukraine und weiterer kriegerischer Auseinandersetzungen in der Welt ließ sich Verdis Requiem an diesem Abend kaum nur als historisches Meisterwerk hören. Es fühlte sich zugleich wie eine Totenmesse für all jene an, die unschuldig in diesen Kriegen ihr Leben verloren haben.
Dass das Werk in der katholischen Liebfrauenkirche erklang, verstärkte diese Wirkung. Die hervorragende Akustik gab der großen Besetzung Raum und Resonanz und bewahrte zugleich die feinen musikalischen Strukturen.
190 Stimmen – aber nicht die Masse zählt
Natürlich können rund 190 Stimmen gewaltig klingen. Beeindruckender war jedoch, wie wenig dieser Chor auf schiere Lautstärke angewiesen war. Der Festivalchor überzeugte durch homogenen Klang, hervorragende Artikulation und eine bemerkenswert feine dynamische Gestaltung. Selbst in den großen Klangballungen blieb die Musik differenziert.
Das berühmte Dies irae besaß Wucht, ohne zum bloßen Effekt zu geraten. Dass ein international zusammengesetzter Jugendchor nach nur elf gemeinsamen Probentagen eine solche Geschlossenheit erreicht, ist eine beachtliche Leistung.
Michael Alber – große Wirkung mit feiner Geste
Ein wesentlicher Anteil daran gebührt Michael Alber. Der ehemalige Chordirektor der Staatsoper Stuttgart und heutige Professor für Chorleitung an der Musikhochschule Trossingen führte die großen Kräfte mit feiner Gestik und ohne demonstrative Effekte.
Chor und Orchester waren sensibel aufeinander abgestimmt. Das Era Nova Orchestra, Budapest erwies sich als ebenbürtiger Partner: Wo Verdi es verlangte, übernahm es die Führung; an anderer Stelle trat es sensibel zurück und gab Chor und Solisten Raum.
Lediglich manche Tempi wirkten an diesem heißen Sommerabend etwas träge – möglicherweise waren auch die hohen Temperaturen nicht ganz unschuldig daran. Insgesamt beeindruckte jedoch die feine und präzise musikalische Einstudierung.
Vier Stimmen – ein Ensemble
Auch das Solistenquartett überzeugte. Maryna Zubko, Jasmin Etminan, Joshua Owen Mills und Martin Summer verfügen über individuell sehr unterschiedliche Stimmen, die sich dennoch erstaunlich selbstverständlich zu einem Ensemble verbanden. Alle vier zeichnet ein ausgeprägter Wohlklang aus – bei einer solchen Besetzung keineswegs selbstverständlich.
Besonders aufhorchen ließ Joshua Owen Mills. Sein Tenor verbindet eine ausgezeichnete Gesangstechnik mit hoher Musikalität. Die Stimme sitzt fokussiert und resonanzreich in der Maske – eine maschera perfetta – und verfügt gleichzeitig über die Fähigkeit zu einem echten, tragfähigen Piano. Im Ingemisco verband Mills Kraft mit Sensibilität und gestaltete seine Partie dynamisch ausgesprochen differenziert und fein.
Jasmin Etminan überzeugte mit einem saftigen, wohlklingenden Mezzosopran und guter technischer Basis. Lediglich in der oberen Lage geriet der Klang gelegentlich etwas breit.
Bei Maryna Zubko beeindruckten vor allem die geradezu fliegenden Piani. Gleichzeitig besitzt ihre Stimme inzwischen die Substanz und Durchschlagskraft des dramatischen Fachs. Gerade die Verbindung von dramatischer Präsenz und schwebendem Pianoklang verlieh ihrer Gestaltung Spannung.
Martin Summer wiederum vereinte im Confutatis scheinbare Gegensätze: mächtig und zugleich zärtlich. Sein Bass besaß Autorität und Fundament, ohne sich auf vokale Schwere zu verlassen.
Solche Projekte gehören vielleicht zum Besten, was jungen Musikerinnen und Musikern passieren kann: Sie erfahren professionellen Anspruch und zugleich, dass musikalische Exzellenz nur durch Zuhören, Verantwortung und gemeinsames Arbeiten entsteht.
Bemerkenswert ist auch, dass ein Konzert dieser Größenordnung bei freiem Eintritt zugänglich gemacht wird. Öffentliche Förderung ermöglicht damit nicht nur musikalische Ausbildung auf hohem Niveau, sondern auch kulturelle Teilhabe.
Exzellenz als Bildungsauftrag
Hinter dieser Leistung steht die Landesakademie für die musizierende Jugend in Baden-Württemberg in Ochsenhausen. C.H.O.I.R., das 2026 sein 30-jähriges Bestehen feiert, bringt junge Sängerinnen und Sänger aus verschiedenen Regionen der Welt zusammen, um auf hohem musikalischem Niveau miteinander zu arbeiten.

„Das ist unser Auftrag: Bildung auf hohem Niveau allen möglich zu machen“, brachte der Direktor der Landesakademie, Prof. Dr. Klaus K. Weigele, diesen Gedanken im persönlichen Gespräch auf den Punkt.
Gerade in einer Zeit zunehmender gesellschaftlicher und geopolitischer Spannungen bekommt dieses Selbstverständnis zusätzliche Bedeutung. Die Landesakademie bezeichnet C.H.O.I.R. selbst als einen „utopischen Gegenentwurf“. An diesem Abend konnte man erleben, was damit gemeint ist.
Exzellenz statt Jugendbonus
Das Entscheidende dieser Aufführung war, dass man ihr keinen Jugendbonus gewähren musste.
Ein homogener und artikulationsstarker Chor, das sensible und ebenbürtige Orchester, vier individuell profilierte und zugleich hervorragend harmonierende Solostimmen und Michael Albers feine musikalische Führung machten Verdis Requiem zu einem eindrucksvollen Erlebnis.
Und angesichts einer Gegenwart, in der täglich Menschen durch Kriege ihr Leben verlieren, bekam Verdis mehr als 150 Jahre alte Totenmesse eine beklemmende Aktualität.
Aus rund 190 jungen Menschen wurde an diesem Abend eine gemeinsame Stimme. Vielleicht liegt genau darin die stärkste Botschaft dieses Requiems: zuhören, aufeinander reagieren und gemeinsam atmen.
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