Zwischen Applaus und Entscheidung

Lilli Paasikivi über den Wechsel von der Sängerin zur Intendantin – und warum Führung kein Ego-Trip ist.

17. August 2026

By Oxana Arkaeva

Lilli Paasikivi ist eine finnische Mezzosopranistin und Kulturmanagerin. Nach einer internationalen Karriere als Sängerin wechselte sie in leitende Funktionen im Opernbetrieb und wurde 2013 Künstlerische Direktorin der Finnischen Nationaloper in Helsinki. Seit 2024 ist sie Intendantin der Bregenzer Festspiele. Ihre Arbeit verbindet langjährige Bühnenerfahrung mit künstlerischer Planung, Führung und internationalem Kulturmanagement.

Zwischen Bühne und Intendanz: Oxana Arkaeva mit Lilli Paasikivi bei den Bregenzer Festspielen 2026.
Zwischen Bühne und Intendanz: Oxana Arkaeva mit Lilli Paasikivi bei den Bregenzer Festspielen 2026. @Oxana Arkaeva

Von der Sängerin zur Intendantin

Frau Passikivi, Sie standen viele Jahre selbst als Sängerin auf der Bühne und sitzen heute auf der anderen Seite des Tisches. Ist das ein normaler Karriereweg für eine Intendantin – Sängerin, Managerin, Intendantin – oder doch etwas Besonderes?

Ich glaube, es ist noch immer etwas Besonderes, obwohl inzwischen mehr Sängerinnen und Sänger in Leitungspositionen wechseln. Im deutschsprachigen Raum kommen Intendant:innen häufig aus Dramaturgie oder Regie. Dabei sind die Erfahrungen, die wir als darstellende Künstler sammeln, eine sehr gute Grundlage für Managementaufgaben. Der Wechsel aus dem Rampenlicht hinter einen Schreibtisch ist natürlich ein großer Schritt. Aber ich habe ihn sehr genossen.

Ich würde sogar sagen: Intendantin zu sein, ist meine beste Rolle.

Führung – eine Frage des Geschlechts?

Sehen Sie sich als Vorbild oder Mentorin für eine jüngere Generation – insbesondere für Frauen, die Führungspositionen im Kulturbetrieb anstreben?

Darauf kann ich ganz klar mit Ja antworten. Als ich 2013 meine Position an der Finnischen Nationaloper übernahm, war ich die erste Frau seit hundert Jahren in dieser künstlerischen Leitungsfunktion. Deshalb empfinde ich Verantwortung gegenüber Frauen, die Führungspositionen anstreben. Ich habe mehrere Frauen als Mentorin begleitet und unterstütze auch junge Führungskräfte im Opernmanagement. Skandinavien ist in dieser Hinsicht sehr emanzipiert, und ich selbst hatte starke Frauen als Vorbilder und Mentorinnen. Trotzdem habe auch ich Chauvinismus erlebt und Situationen, in denen ich den Eindruck hatte, dass es für eine Frau schwieriger sein kann, eine Organisation zu führen.

Mir ist wichtig zu zeigen, dass Führungskompetenz keine Frage des Geschlechts ist. Kompetenz muss das entscheidende Kriterium sein.

Macht und Verantwortung

Als Sängerin ist man von Entscheidungen anderer abhängig – von Intendant:innen, Regisseur:innen, Operndirektionen oder Agenturen. Heute treffen Sie selbst solche Entscheidungen. Hat Ihre Bühnenerfahrung Ihren Umgang mit Macht und Verantwortung verändert?

Der Schritt von der Sängerin zur Intendantin war für mich eine große psychologische Veränderung. Meine Identität wird wahrscheinlich immer die einer Sängerin bleiben. Aber irgendwann war ich bereit, eine neue Tür zu öffnen – und wenn man eine neue Tür öffnet, muss man etwas anderes loslassen. Mit einer Leitungsposition kommt enorme Verantwortung. Meine Entscheidungen können großen Einfluss auf die berufliche Existenz und Karriere anderer Menschen haben. Eine solche Position ist kein Ego-Trip. Gleichzeitig ist es ein großes Privileg, ein Festival programmatisch gestalten zu dürfen. Ich liebe es, Programme und Konzepte zu entwickeln und die einzelnen Elemente zu einem großen Mosaik zusammenzufügen.

Diva oder Teamplayer?

Wen engagiert Intendantin Lilli Paasikivi: eine außergewöhnliche Stimme, eine echte Diva – oder vielleicht eine Sängerin oder einen Sänger mit einer weniger spektakulären Stimme, mit der oder dem aber alle hervorragend zusammenarbeiten können?

Die Zeit der Diven hinter der Bühne ist für mich vorbei. Auf der Bühne wollen wir Diven – hinter der Bühne brauchen wir Teamplayer.

Glücklicherweise gibt es sehr viele fantastische Sängerinnen und Sänger, die auf der Bühne außergewöhnlich und hinter der Bühne wunderbare Kolleg:innen sind. Oper ist Teamarbeit. Ich möchte Menschen engagieren, die zu einem positiven Arbeitsklima beitragen, andere respektieren, proaktiv arbeiten und auch ihre Kolleginnen und Kollegen im Blick behalten.

Stimme und Technik auf der Seebühne

Auf der Seebühne werden die Stimmen elektronisch verstärkt. Verändert das auch Ihre Herangehensweise beim Vorsingen? Kann beispielsweise eine lyrischere oder kleinere Stimme hier eine Partie übernehmen?

Wenn eine Stimme verstärkt wird, treten teilweise andere Qualitäten hervor. Eine sehr metallische Stimme muss beispielsweise nicht automatisch die ideale Mikrofonstimme sein. Trotzdem muss die Stimme grundsätzlich zur Partie passen. Durch die Verstärkung können aber auch Möglichkeiten entstehen: Eine etwas lyrischere Stimme kann auf der Seebühne möglicherweise eine Partie übernehmen, die sie in einem rein akustischen Opernhaus noch nicht singen würde. Das Schöne ist, dass Sänger:innen nicht gegen die Lautstärke ankämpfen müssen. Sie können Pianissimi, Farben und Nuancen einsetzen – und unser hervorragendes Akustikteam sorgt dafür, dass diese Feinheiten auch beim Publikum ankommen.

Ja sagen, Nein sagen, Fehler machen

Als Intendantin müssen Sie Ja und sehr häufig auch Nein sagen. Was ist schwieriger – zuzusagen oder abzusagen? Und wie gehen Sie damit um, wenn sich eine Entscheidung im Nachhinein vielleicht als falsch erweist?

Wenn man eine Führungsposition übernimmt, muss man lernen, Nein zu sagen. Man braucht eine klare Strategie, muss konsequent sein und darf unangenehmen Entscheidungen nicht ausweichen. Jedes Ja zu einer Sache bedeutet gleichzeitig ein Nein zu etwas anderem. Entscheidungen trifft man immer mit dem Wissen, das einem in diesem Moment zur Verfügung steht. Natürlich gab es Situationen, in denen ich später dachte: Vielleicht war das nicht meine beste Entscheidung. Aber man muss daraus lernen und weitergehen. Wenn man Angst davor hat, einen Fehler zu machen, kann man überhaupt nichts mehr entscheiden.

  • Szenenbild „La traviata” 2026 © Bregenzer Festspiele / Ralph Larmann
  • Szenenbild „La traviata” 2026 © Bregenzer Festspiele / Ralph Larmann
  • Szenenbild „La traviata” 2026 © Bregenzer Festspiele / Ralph Larmann
  • Szenenbild „La traviata” 2026 © Bregenzer Festspiele / Ralph Larmann
  • Szenenbild „La traviata” 2026 © Bregenzer Festspiele / Ralph Larmann
  • Szenenbild „La traviata” 2026 © Bregenzer Festspiele / Ralph Larmann
  • Szenenbild „La traviata” 2026 © Bregenzer Festspiele / Ralph Larmann
  • Szenenbild „La traviata” 2026 © Bregenzer Festspiele / Ralph Larmann
  • Szenenbild „La traviata” 2026 © Bregenzer Festspiele / Ralph Larmann
  • Szenenbild „La traviata” 2026 © Bregenzer Festspiele / Ralph Larmann
  • Szenenbild „La traviata” 2026 © Bregenzer Festspiele / Ralph Larmann
  • Szenenbild „La traviata” 2026 © Bregenzer Festspiele / Ralph Larmann
  • Szenenbild „La traviata” 2026 © Bregenzer Festspiele / Ralph Larmann
  • Szenenbild „La traviata” 2026 © Bregenzer Festspiele / Ralph Larmann

Intimität auf der gigantischen Bühne

La traviata lebt von sehr intimen Momenten – etwa „È strano!“, „Addio del passato“ oder den großen Duetten und Szenen. Wie verhindert man, dass auf einer so gigantischen Bühne Verletzlichkeit und Intimität verloren gehen?

La traviata verbindet große Festszenen mit sehr intimen und zerbrechlichen Momenten. Ich war sehr glücklich, Damiano Michieletto als Regisseur für diese Produktion gewinnen zu können. Es war auch seine erste La traviata. Der große Spiegel von Paolo Fantin ist dabei nicht nur Bühnenbild, sondern auch ein Mittel des Erzählens und eröffnet zusätzliche intime Ebenen der Geschichte. Natürlich sind die Distanzen enorm: In einem Duett stehen zwei Menschen in einem normalen Opernhaus vielleicht fünf Meter voneinander entfernt – bei uns können es 25 Meter sein. Dem Produktionsteam ist es trotzdem gelungen, mit Licht, Farben und Video unterschiedliche Räume zu schaffen und dadurch auch auf einer so großen Bühne Intimität zu erzeugen.

Das Recht zu scheitern

Als Intendantin trifft man schwierige Entscheidungen und geht künstlerische Risiken ein. Hat eine Intendantin oder ein Intendant das Recht zu scheitern?

Natürlich möchte man als Intendantin möglichst die richtigen Entscheidungen treffen. Aber diese Arbeit verlangt auch Risikobereitschaft. Kunst ist subjektiv, und je mehr Menschen an einem Prozess beteiligt sind, desto größer wird die Unsicherheit. Manchmal fragt man sich morgens beim Aufwachen oder abends vor dem Einschlafen: Muss ich in diesen Prozess eingreifen – oder gerade nicht? Diese Unsicherheit muss man aushalten.

Man muss Risiken eingehen, wenn man etwas Interessantes schaffen will. Wenn das einzige Ziel darin besteht, Fehler zu vermeiden, ist das Scheitern praktisch vorprogrammiert.

Arbeit und Selbstfürsorge

Resilienz und Selbstfürsorge sind in einem solchen Beruf besonders wichtig. Was tun Sie für Ihre Gesundheit und dafür, im Festivalbetrieb immer wieder Momente der Erholung zu finden?

Sie fragen mich das jetzt in der vierten Festivalwoche, sieben Tage vor dem Ende – Sie hören es wahrscheinlich an meiner Stimme und sehen es an meinen Augen. Intendantin zu sein ist ein sehr anspruchsvoller Beruf. Eine müde und gestresste Intendantin ist keine gute Intendantin. Deshalb muss man auf sich selbst achten. Ich versuche, im Alltag Freude an kleinen Dingen zu haben und jeden Tag Momente der Erholung zu schaffen. Und natürlich liege ich manchmal einfach auf meinem Sofa und schaue Netflix, telefoniere mit meiner Familie und meinen Freunden. Mein Leben besteht nicht nur aus Arbeit. Für meine Arbeit ist außerdem Humor sehr wichtig. Ich scherze gerne und lache mit meinen Kolleginnen und Kollegen. Auch bei großen Herausforderungen möchte ich Freude an meiner Arbeit haben. Für mich gehört immer ein bisschen Humor – und ein bisschen Rock ’n’ Roll – dazu.

© Rami Lappalainen

Mezzosoprane als Überlebenskünstlerinnen

„Mezzosopran“ bezeichnet die Stimmlage zwischen Sopran und Alt – manchmal wird es fälschlicherweise als „halber Sopran“ übersetzt. Häufig steht der Mezzosopran dramaturgisch eher in der zweiten Reihe, gleichzeitig gibt es großartige zentrale Mezzo-Rollen. Was bedeutet es für Sie persönlich, Mezzosopranistin zu sein?

Natürlich ist es zunächst eine stimmliche Frage: Wo fühlt sich die Stimme am wohlsten? Aber ich fühle mich zu hundert Prozent als Mezzosopranistin – nicht nur stimmlich, sondern auch mental. Ich mag die Psychologie der Mezzosopran-Figuren. Carmen oder Amneris gehören beispielsweise zu meinen Lieblingsrollen – starke Frauen mit einer starken Identität. Gleichzeitig gibt es auch Suzuki, die Cio-Cio-San begleitet und ihr Tee serviert. Ich hatte nie ein Problem damit, auf der Bühne „dem Sopran Tee zu servieren“, wenn ich dabei mitten in wunderbarer Musik sein durfte. Denken Sie an Rossini: Viele seiner Mezzosopran-Figuren sind Überlebenskünstlerinnen. Rosina, Cenerentola oder Isabella aus L’italiana in Algeri – sie sind stark, praktisch und ausgezeichnet darin, Probleme zu lösen.

Mezzosoprane sterben auf der Bühne schließlich seltener. Vielleicht werden sie deshalb später Intendantinnen – weil sie Überlebenskünstlerinnen sind.

Bregenzer Festspiele 2027

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