Gesungene Gleichberechtigung – Eine „Winterreise“ jenseits der Geschlechter

Sophie Rennert und Joseph Middleton zeigen bei der Schubertiade, dass Schuberts „Winterreise“ vor allem eines ist: zutiefst menschlich.

Franz Schuberts Winterreise gehört zu jenen Werken, bei denen schon die ersten Takte eine eigene Welt eröffnen. Am 25. August stellte sich die österreichische Mezzosopranistin Sophie Rennert im Angelika-Kauffmann-Saal in Schwarzenberg erstmals dem vollständigen Zyklus – gemeinsam mit ihrem Klavierpartner Joseph Middleton.

Eine Frau singt die Winterreise.

Was noch immer bemerkenswert erscheint, geschieht bei der Schubertiade ganz unaufgeregt. Man könnte sagen: Hier findet auf angenehm zurückhaltende und natürliche Weise musikalische Gleichberechtigung statt. Doch Rennerts Interpretation berührt gerade auch deshalb, weil sie eine Frau ist – aber keineswegs nur deshalb.

Wem gehört die „Winterreise“?

Traditionell wird Schuberts Zyklus nach Gedichten von Wilhelm Müller vor allem mit männlichen Stimmen in Verbindung gebracht. Ganz neu ist der weibliche Blick auf die Winterreise allerdings nicht. Im Laufe des 20. Jahrhunderts haben zahlreiche Sängerinnen den Zyklus interpretiert, darunter bedeutende Künstlerinnen wie Christa Ludwig, Brigitte Fassbaender und Mitsuko Shirai. Und doch ist eine von einer Frau gesungene Winterreise bis heute nicht so selbstverständlich, dass das Geschlecht der Interpretin keine Aufmerksamkeit mehr erregen würde.

Im kurzen Gespräch nach dem Konzert sagte Rennert selbst, sie empfinde den Text gar nicht als ausgesprochen männlich. Anders als etwa bei der Dichterliebe oder der Schönen Müllerin sei die Winterreise für sie wesentlich weniger konkret und damit weitgehend geschlechterneutral.

Videoaufnahme: © 2026 Oxana Arkaeva / OperaViews. Alle Rechte vorbehalten.

Rennert brachte es so auf den Punkt: „Ich finde, dass es jetzt endlich an der Zeit ist, dass auch wir Frauen uns die Winterreise zu eigen machen.“

An diesem Abend ist ihr das eindrucksvoll gelungen.

Hier sang keine Frau eine Männerrolle. Hier erzählte ein Mensch von Liebe, Verlust, Einsamkeit, Erinnerung und der Suche nach einem Platz in der Welt.

Wenn Stimme zu Stimmung wird

Rennert verfügt über einen wunderschönen Mezzosopran, der unmittelbar berührt. Ihre tiefe Lage ist weich und sanft, der Übergang von der Bruststimme in die Höhe geschmeidig und ohne hörbare Brüche. Ihr Legato fließt zärtlich und flexibel.

Mal leuchtet die Stimme hell und klar, dann öffnet sie sich in düstere, dramatische Abgründe. Rennert ist eine zutiefst berührende Interpretin, ohne jemals manieriert oder übertrieben zu wirken. Es entsteht eine Stimm- und Stimmungsmalerei, in der jedes Wort Bedeutung gewinnt. Ihre Diktion ist kaum zu übertreffen.

Joseph Middleton ist ihr ein ebenso sensibler wie musikalischer Partner. Sein Spiel ist fein und poetisch, besitzt zugleich aber Tiefe und Substanz. Er begleitet nicht einfach – er reist mit ihr.

Darin liegt überhaupt eine besondere Qualität der Liederabende bei der Schubertiade: Immer wieder begegnet man künstlerischen Duos, die nicht einfach nebeneinander musizieren, sondern miteinander atmen und erzählen.

Immer tiefer in die Einsamkeit

Die Winterreise führt weniger zu einem geografischen Ziel als immer tiefer in die Innenwelt ihres Wanderers. Mit jedem Lied scheint er sich weiter von der vertrauten Welt zu entfernen.

Besonders eindringlich wird dies gegen Ende des Zyklus. In „Im Dorfe“ schlafen und träumen die Menschen, während der Wanderer draußen bleibt. In „Das Wirtshaus“ erscheint ihm der Friedhof als ersehnter Ort der Ruhe – doch selbst dort findet er keinen Platz.

Und schließlich der „Leiermann“: ein alter Mann, barfuß auf dem Eis, von allen unbeachtet und dennoch unermüdlich seine Leier spielend. Vielleicht erkennt der Wanderer in diesem Außenseiter erstmals jemanden, der ihm gleicht.

Rennert und Middleton machten daraus kein großes dramatisches Finale. Gerade ihre Zurückhaltung ließ diesen Schluss umso stärker wirken.

Wie außergewöhnlich Schubert selbst die Dunkelheit dieses Zyklus empfand, zeigt die überlieferte Reaktion seiner Freunde. Als diese auf die Lieder zunächst befremdet reagierten, erklärte er, sie hätten ihn stärker bewegt als alle seine anderen. Gerade diese existenzielle Dimension macht die Winterreise zu weit mehr als die Geschichte einer enttäuschten Liebe.

Und vielleicht erklärt sie auch, warum die Frage, ob dieser Wanderer ein Mann oder eine Frau ist, irgendwann nebensächlich wird. Sophie Rennert machte sich diese Winterreise zu eigen, ohne daraus eine Demonstration machen zu müssen.

Diese „Winterreise“ braucht kein Geschlecht. Sie braucht eine Stimme – und jemanden, der ihre Geschichte wahrhaftig erzählt.

Schubertiade Programm 2027

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