Corona und Kultur

10 Fragen an Jörg Löwer. Präsident von GDBA in Deutschland

Ein insider Blick auf die aktuelle Rechtslage der darstellender Künstler und in Theatern, und wo man die Hilfe bekommen kann.

@theoperaviews 17.Oktober 2020

Foto: Jörg Löwer. @Peter Vogel.

Jörg Löwer arbeitete viele Jahre als Musicaldarsteller und Choreograf. Als Darsteller stand er in zahlreichen Ensuite- und Stadttheater-Produktionen auf der Bühne. Geprägt hat ihn vor allem die Zusammenarbeit mit Helmut Baumann. Als Choreograf zeichnete er für Produktionen in den Bereichen Musical, Schauspiel und Kreuzfahrten verantwortlich. Nach seiner Tätigkeit im Team von theapolis.de arbeitete Jörg Löwer ab 2009 als Referent für die GDBA. Im Mai 2013 wurde er zu deren Präsidenten gewählt.

Wie würden Sie in nur paar Stichwörter die aktuelle Situation in Deutschland, und vielleicht in Europa, in Bezug auf Kultur und rechtliche Lage der Kulturschaffenden unter Pandemie beschreiben?

Notstand, Existenzangst, Unsicherheit, mangelnde Sicherung, prekäre Arbeitsverhältnisse, Risikoabwälzung auf die Schwächsten, Berufsaufgabe, Bedrohung der kulturellen Infrastruktur. Das sind nur einige der Stichworte, die einem immer wieder in den Sinn kommen.

Welche kurz- und langfristigen Auswirkungen hat oder wird die Pandemie auf die Entwicklung der rechtlichen Lage der Inländischer, europäischer festangestellten, aber vor allem der selbstständigen Opernsänger im In- oder aus dem Ausland haben? 

In allen deutschen Bundesländern sind die Theaterferien zu Ende: Überall spielen Theater und Opernhäuser wieder – unter scharfen Hygienevorschriften. Im Zuschauerraum nur ein kleiner Teil der Normalauslastung, Schauspielerinnen und Schauspieler mit Abstand, im Musiktheater nur kleine Ensembles, Chöre kaum darstellbar: Solange sie geschlossen waren, entgingen den Stadt- und Staatstheatern sowie den Landesbühnen geschätzte knapp 50 Millionen Euro Ticketing-Erlöse. Vielen Schauspielern, Sängern und Tänzern sind die Einnahmen weggebrochen, Regisseuren, Theaterverlagen und damit Autoren und Komponisten ebenso. Insbesondere private Theater befinden sich in wirtschaftlichen Schwierigkeiten, manche stehen vor dem Aus. Die Infrastrukturen der Häuser und die damit verbundenen Arbeitsplätze müssen erhalten bleiben: Theater- und Orchesterensembles können nicht auf Dauer bestehen und öffentlich finanziert werden, wenn sie nicht arbeiten. Vor maximal einem Viertel der üblichen Zuschauer zu spielen, wird finanziell und kulturpolitisch nicht reichen.

Zwar ist im Augenblick ein großer Teil der öffentlichen Betriebe durch die Tarifverträge zur Kurzarbeit, die die Künstlergewerkschaften abgeschlossen haben, vor einer betriebsbedingten Auflösung der Arbeitsverhältnisse gesichert. Wie das aber bei künftigen Zuwendungsverhandlungen aussehen wird, ist eine andere Frage und wird von uns mit großer Sorge betrachtet. Den Rechtsträgern obliegt hier eine ganz besondere Verantwortung: Das flächendeckende Ensembletheater ist ein Unterscheidungsmerkmal der deutschsprachigen Theaterlandschaft gegenüber den allermeisten Ländern in Europa und darüber hinaus – es sollte eben so wenig aufs Spiel gesetzt werden wie die Rolle der Künstlerinnen und Künstler in einer zunehmend fragmentierten Gesellschaft. Im Idealfall setzen sie sich mit den Themen „ihrer“ Stadt auseinander, nehmen Debatten auf oder reißen sie an. Theater dürfen und müssen Sand im Getriebe einer Gesellschaft sein.  Dabei sollte sich niemand etwas vormachen: Die Bedrohung einer der größten Theater- und Orchesterlandschaften wird täglich spürbarer. Und damit auch die Bedrohung zukünftiger Arbeitsplätze für Festangestellte und Freischaffende.

Ein Zusammenbruch der gesamten freien Szene und der Privattheaterlandschaft bleibt zwar noch unvorstellbar – aber für weite Teile der Kulturlandschaft ist es fünf Minuten vor zwölf. Sie braucht eine echte Perspektive. Die existiert mit 1,50 Meter Abstand auf der Bühne und im Publikum sicher nicht. Deshalb bedarf es einer Menge zusätzlichen Geldes. Die Regierung hat zwar unter der Überschrift „Neustart Kultur“ eine zusätzliche Milliarde Euro für Kultur vorgesehen und auch weitere Maßnahmen aus dem Konjunkturpaket könnten indirekt für die Kultur nutzbringend sein, trotzdem bleibt Kultur Ländersache – damit die dort und in den Kommunen wegbrechenden Steuereinnahmen mancherorts trotz allen guten Willens nicht doch zu einer Existenzfrage für das örtliche Theater führen, braucht es gemeinsame Anstrengungen. Und bei der großen Gruppe der Solo-Selbständigen sprechen wir wegen abgesagter Produktionen bereits aktuell von KollegInnen, die über einen Berufswechsel nachdenken – Talent, was zukünftig nach einer Normalisierung der Situation fehlen wird.

Ihre Arbeit als Präsident der GDBA geht bald zum Ende. Was war für Sie die größte Herausforderung in diesen Jahren und insbesondere während der Pandemie/dem Lockdown?

Die größte Herausforderung als ich 2013 das Amt antrat, war der stete Mitgliederverlust für meine Gewerkschaft. Viele gewerkschaftliche oder politische Organisationen verlieren ihre Bindungskraft und die Gesellschaft zersplittert in Interessenblasen ohne echten Austausch.  Wir konnten durch zahlreiche Anstrengungen und Veränderungen die Mitgliederzahl seit 2013 gegen den Trend um 45% steigern, was mich sehr glücklich macht. Während der Pandemie musste der Arbeitsbetrieb in der Geschäftsstelle aufrecht erhalten werden, damit wir dem Ansturm der Beratung vor allem unserer freischaffenden Mitglieder gewachsen waren, die dringende Unterstützung in Sachen Absagen etc. nötig hatten.  Außerdem musste ein sehr schnell aufgesetztes Sofortnothilfe-Programm umgesetzt werden, durch das die GDBA als eine der ersten sofortige Finanzhilfen an besonders von der Pandemie betroffene Freischaffende zahlen konnte. 

Welche war/ist, Ihrer Meinung nach, die wichtigste, die weitreichendste Entscheidung oder Beschluss, die/den Sie getroffen haben?

Wenn sich die Frage auf die Zeit der Pandemie bezieht, dann war dies sicherlich die Verhandlung und der Abschluss von Tarifverträgen zur Kurzarbeit für die öffentlichen Theater.  Die Künstlergewerkschaften hatten hier zunächst eine sehr kritische Haltung. Im Bereich der öffentlichen Theater- und Orchester sahen wir  zunächst keine Veranlassung zur Einführung von Kurzarbeit, da die öffentlichen Theater und Orchester grundsätzlich ausfinanziert sind und „nur“ die weggefallenen Eigeneinnahmen aus Kartenverkauf und Gastspielbetrieb/Tourneen auszugleichen waren. Diese betragen im Durchschnitt aller Orchester und Theater bundesweit rund 17,5 % der jeweiligen Budgets. 

Mit der Zeit erwies sich aber der Verlauf des Pandemiegeschehens als dramatisch – so entstanden zahlreiche Betriebsvereinbarungen zwischen Betriebsräten und Theaterleitungen, die die Kurzarbeit nur unzureichend regelten. Es brauchte am Ende also dringend den Ordnungsrahmen von Tarifverträgen. Diese schließen betriebsbedingte Kündigungen bzw. Nichtverlängerungsmitteilungen vorübergehend flächendeckend aus. Ganz besonders froh bin ich, dass wir durchsetzen konnten, dass reguläre Gastverträge von diesen Regelungen umfasst sind – was auch besonders für viele freischaffende OpernsängerInnen wichtig war, die dadurch ihre Gagen erhielten, obwohl sie nicht im Festengagement waren.

Die Maßnahmen sollen die Einnahmeausfälle der öffentlichen Theater und Orchester während der Corona-Krise kompensieren und die Arbeitsplätze sichern. 

Wenn wir über die Zeit vor der Pandemie reden, waren die wichtigsten Ergebnisse sicher, dass wir Mindestgagen für Gastverträge und einen Nichtverlängerungsschutz für Schwangere sowie Obleute der Gewerkschaften durchsetzen konnten. Außerdem konnten die Mitbestimmungsmöglichkeiten der Ensembles verbessert werden.

Was haben Sie nicht erreichen können, was z. B. in aktuelle Situation hätte hilfreich werden können? 

Ganz generell und unabhängig von Covid-19 war schon zu Beginn meiner ersten Amtszeit meine Überzeugung, dass es in Deutschland einen Zusammenschluss der Gewerkschaften der darstellenden KünstlerInnen geben sollte – im Prinzip nach dem Vorbild der englischen Equity. Aber leider sind wir einer Fusion von GDBA, VdO und BFFS nicht näher gekommen. Im Gegenteil nehmen Tendenzen zu, dass sich die Menschen in immer kleinere Interessenblasen zurückziehen, statt eine große Gemeinschaft der künstlerisch Beschäftigten des audiovisuellen und des Live-Entertainment-Sektors zu formen. Eine solche Fusion hätte in der jetzigen Krise die Branche und den Zusammenhalt untereinander sowie die Durchsetzungsfähigkeit der künstlerisch Beschäftigten gegenüber der Politik stärken können.

Was leider sowohl im Hinblick auf die staatlichen Unterstützungsprogramme für Solo-Selbständige als auch auf die erlaubten Auslastungszahlen im Zuschauerraum bisher überhaupt nicht erreicht werden konnte, ist eine Harmonisierung des „Flickenteppichs“ an Maßnahmen und Vorschriften des Bundes und der Länder. Das Problem der verwirrend vielen unterschiedlichen Regelungen zeigt sich ja auch in anderen Bereichen und trägt nicht zur Akzeptanz getroffener wichtiger Entscheidungen bei.

Was hat sich, wenn überhaupt, an der rechtlichen Lage der ausländischen festangestellten und freischaffenden Opernsänger in Deutschland geändert, in positiven wie auch im negativen Sicht?

Bisher ist die Situation für das feste Personal vergleichsweise glimpflich verlaufen – egal, ob aus dem Ausland oder aus Deutschland stammend. Es ist nicht ausgeschlossen, dass bei nicht aus der EU stammenden Freischaffenden durch die Absage aller Aufträge Probleme mit der Aufenthaltsgenehmigung entstehen. Insgesamt wurde durch die Krise bei vielen das Bewusstsein dafür geschärft, dass ein sozialversicherungspflichtiges Anstellungsverhältnis für die KollegInnen einen größeren Schutz ihrer beruflichen Existenz bedeutet.

Können Sie an dieser Stelle eine vorläufige Prognose, eine Vorausschau der Situation mit neuen zukünftigen Fest- und Gastverträge an deutschen Musiktheatern machen?

Die Informationen, die uns bisher erreichen, sind vor allem für die Freischaffenden beunruhigend. Viele Theater wollen aufgrund der eher kleinen Formate, die gespielt werden, auf Gäste komplett verzichten und Stücke mit dem festen Ensemble erarbeiten.

Wird, Ihrer Meinung nach, die Pandemie den deutschen Musiktheaterlandschaft nachhaltig verändern?

Ich glaube, dass wir nicht nur über eine Veränderung der deutschen Musiktheaterlandschaft reden. Dies ist eine weltweite Krise und die Folgen im Einzelnen noch gar nicht absehbar. Speziell alles, was privatwirtschaftlich organisiert ist, wird nicht mehr lange durchhalten können, wenn keine ausreichenden Stützungsmaßnahmen erfolgen. Die öffentlichen Theater, Opern und Orchester in Deutschland sind durch ihren hohen Anteil an staatlicher Förderung in dieser Hinsicht besser dran, aber auch hier drohen am Horizont fehlende Steuereinnahmen bei den theatertragenden Kommunen bzw. Bundesländern und dadurch negative Auswirkungen auf die zukünftigen Zuwendungen an die Häuser.

Welche Lektion haben wir aus dieser Krise mitgenommen? Oder haben wir überhaupt daraus gelernt?

Diese Frage ist schwer zu beantworten. Mit Sicherheit wurde wie durch ein Brennglas deutlich, dass künstlerische Arbeit oft immer noch prekäre Arbeit ist – bestehende Probleme wurden verschärft. Auch im Umgang mit der kulturellen Infrastruktur wird sich zeigen, ob es möglich ist, den Unterschied zwischen Sonntagsreden und Montagshandeln der Politik aufzulösen. Kultur ist für das Funktionieren demokratischer Gesellschaften systemrelevant. Diese Überzeugung hat sich noch nicht überall rumgesprochen. Der Mensch kann nicht nur als Konsument betrachtet werden, es braucht auch zwingend die Möglichkeit gesellschaftlicher Selbstvergewisserung, es braucht auch Orte, die als moralischer Kompass funktionieren und den Geist der Menschen herausfordern.

Was würden Sie den zukünftigen einheimischen und ausländischen festen und freischaffenden Opernsängern mit auf den Weg geben, wie sie sich rechtlich in solchen Situationen absichern, I.e. schützen können?

Gerade in unsicheren Zeiten ist es wichtiger denn je, dass KollegInnen gut über ihre Rechte und Pflichten informiert sind und sich im Falle von Ärger mit dem Arbeit- oder Auftraggeber gut beraten lassen können. Dies ist am effektivsten durch eine Mitgliedschaft in der entsprechenden Künstlergewerkschaft möglich, die häufig auch noch weltweit in der FIA (International Federation of Actors) organisiert sind und sich bei Problemen von im Ausland arbeitenden Mitgliedern gegenseitig helfen – gerade für die Gruppe der international arbeitenden freischaffenden OpernsängerInnen ein wichtiger Faktor.

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