Mit Dirigierstab zwischen Amazonas und Europa

Der brasilianischer Dirigent Miguel Campos Neto im Gespräch mit Oxana Arkaeva

Ein Dirigent, der Klangräume nicht nur interpretiert, sondern neu erschließt:
Der brasilianische Dirigent Miguel Campos Neto verbindet internationale Operntradition mit kultureller Entdeckungsarbeit. Im Gespräch erzählt er von künstlerischer Verantwortung, langfristiger Entwicklung – und seiner besonderen Beziehung zu Deutschland.

Campos Neto ist bekannt für seinen innovativen Ansatz und sein starkes Engagement für Musik sowie für die Förderung junger Künstler:innen. Über fünfzehn Spielzeiten war er Musikdirektor und Chefdirigent des Orquestra Sinfônica do Theatro da Paz in Belém (Brasilien), wo er auch das Opernfestival leitete. Parallel dazu war er Mitbegründer und langjähriger Musikdirektor der Chelsea Symphony in New York und ist heute deren „Conductor Laureate“. Seine internationale Karriere umfasst Engagements in Europa und Amerika mit Schwerpunkt auf italienischer Oper, französischem Repertoire und der deutschen sinfonischen Tradition.

Opera Views sprach mit ihm über die strukturellen Unterschiede zwischen den Opernwelten Europas und Südamerikas, seine künstlerische Philosophie, die Arbeit mit Sänger:innen sowie seine zukünftigen Perspektiven im internationalen Opernbetrieb, in dem Deutschland in seiner künstlerischen Vision eine zentrale Rolle einnimmt.

@Renato Mangolin

Man sagt, die Oper ist immer ein Spiegel der Gesellschaft. Herr Campos Neto, Sie haben über viele Jahre hinweg sowohl in Südamerika als auch in Europa gearbeitet. Was unterscheidet diese beiden Opernwelten?
Europa blickt auf eine jahrhundertelange Operntradition zurück – mit gewachsenen Strukturen, einem breiten Repertoire und tief verankertem Know-how. In Südamerika hingegen spürt man noch stärker den Moment des Entdeckens, eine gewisse Unmittelbarkeit.
Während Europa darum ringt, neue Zugänge zum klassischen Kanon zu finden und jüngere Generationen anzusprechen, ist Oper in Südamerika oft noch ein Erlebnis des ersten Mals – etwas Neues, das entdeckt wird. Beide Systeme können voneinander lernen: Europa von der Frische, Südamerika von der strukturellen Tiefe.

Künstlerische Entwicklung braucht Zeit. Ein zentrales Merkmal Ihrer Laufbahn ist die langfristige Bindung an Institutionen. Warum ist Ihnen das so wichtig?
Weil künstlerische Entwicklung nicht in Projekten denkt, sondern in Prozessen. Ein Orchesterklang, eine gemeinsame musikalische Sprache, ein Vertrauen zwischen Dirigent, Ensemble und Publikum – all das entsteht nicht über Nacht. Ich vergleiche das gern mit dem Sport: Niemand erwartet, dass ein Trainer in zwei Spielen eine Mannschaft grundlegend verändert.
Mich interessiert dieser tiefere Prozess: Wenn ein Orchester beginnt, sich mit einer gemeinsamen Vision zu identifizieren – dann entsteht etwas, das über einzelne Produktionen hinausgeht.“

Brasilianischer Dirigent Miguel Campos Neto
@Instagram Miguel Campos Neto

Archäologie der Musik: Stimmen aus dem Amazonas. Ihr Repertoire ist breit gefächert – von Verismo bis Mozart. Wo liegt Ihr aktueller Fokus?
Neben dem Kernrepertoire widme ich mich intensiv der Wiederentdeckung brasilianischer Musik – insbesondere aus der Amazonasregion.
Viele dieser Werke existieren nur als Manuskripte. Sie wurden nie ediert, nie aufgeführt. Diese Arbeit fühlt sich manchmal wie musikalische Archäologie an: Man hebt etwas aus der Vergangenheit hervor und gibt ihm eine Stimme in der Gegenwart. Gerade jetzt, wo der Blick der Welt auf den Amazonas gerichtet ist, ist es mir wichtig zu zeigen: Diese Region hat nicht nur ökologische, sondern auch kulturelle Tiefe.

Dramaturgie vor Dogma. Ihre Produktionen werden für ihre Klarheit gelobt. Was ist Ihnen wichtiger: Authentizität oder Interpretation?
Für mich steht die dramaturgische Klarheit im Zentrum. Der Begriff ‚Authentizität‘ ist problematisch – denn Komponisten selbst haben ständig neu interpretiert. Mozart hat Händel bearbeitet, Mahler Schumann. Warum sollten wir heute nicht ebenfalls weiterdenken?
Natürlich ist stilistische Kenntnis wichtig – aber sie darf kein Selbstzweck sein. Musik muss auf der Bühne wirken. Sie muss atmen, erzählen, berühren.

Der Sänger als Mitgestalter. Sie gelten als Dirigent, der besonders gern mit Sänger:innen arbeitet. Woher kommt das?
Ich schätze Künstler:innen, die über ihre eigene Partie hinausdenken. Die interessantesten Sänger:innen sind diejenigen, die das gesamte Werk verstehen – die wissen, was im Orchester passiert, die die Dramaturgie erfassen. So inspirieren wir uns gegenseitig und es entsteht dabei echte Zusammenarbeit. Dann wird aus Interpretation Kommunikation.

Zwischen Regie und Partitur. Wie verändert sich die Rolle des Dirigenten im heutigen Opernbetrieb?
Die visuelle Ebene hat enorm an Bedeutung gewonnen. Regiekonzepte sind oft sehr stark.
Trotzdem bleibt für mich klar: Die Musik ist das Zentrum der Oper. Ohne Musik ist es kein Musiktheater mehr.
Die Herausforderung liegt im Dialog – darin, musikalische und szenische Ideen so zu verbinden, dass eine gemeinsame Sprache entsteht.

Zukunft entsteht durch Nachwuchs. Sie arbeiten viel mit jungen Musiker:innen. Warum?
Weil die Zukunft der Oper davon abhängt. Es geht nicht nur um Publikum, sondern auch um Künstler:innen. Wenn junge und erfahrene Musiker:innen gemeinsam auf der Bühne stehen, entsteht eine besondere Energie.
Oper darf nicht als etwas Vergangenes wahrgenommen werden – sondern als lebendige Kunstform.

Europa als Inspiration – nicht als Vorlage. Welche Rolle spielt europäisches Repertoire in Südamerika?
Es ist ein Referenzpunkt, kein Modell zum Kopieren. Kulturelle Identität entsteht nicht durch Übernahme, sondern durch Transformation. Ein gutes Beispiel ist Carlos Gomes – tief von italienischer Oper geprägt und gleichzeitig ein eigenständiger Komponist. Diese Balance ist entscheidend.

@Octávio Cardoso/ Acervo UFPA

Deutschland als künstlerische Perspektive. Und Ihre eigenen Zukunftspläne?
Ich sehe meine Entwicklung als einen kontinuierlichen Prozess. Neben der Arbeit am Repertoire möchte ich die Wiederentdeckung brasilianischer Musik weiter vorantreiben – und sie stärker in internationale Kontexte bringen. Gleichzeitig suche ich die Zusammenarbeit mit größeren Opernhäusern und Orchestern.
Deutschland spielt dabei eine besondere Rolle für mich. Schon mit 18 Jahren begann ich in den USA Deutsch zu lernen – aus der tiefen Verbindung zur Musik heraus und mit dem Wunsch, eines Tages hier zu arbeiten.
Heute verfüge ich über sehr gute Deutschkenntnisse und kann sie sicher im künstlerischen Alltag einsetzen. Eine Zusammenarbeit mit einem deutschen Opernhaus – sei es als Gastdirigent oder in einer leitenden Funktion – ist für mich ein zentrales Ziel.

So ist die Karriere für Sie kein Ziel, sondern ein Weg, stimmts?
Ich glaube nicht an Karriere als etwas, das man plant und dann erreicht. Ich glaube an Entwicklung – an Arbeit, an Verantwortung, an Kontinuität. Und daran, dass sich die richtigen Wege öffnen, wenn man sich auf das Wesentliche konzentriert: die Musik.

Wir danken Ihnen Herr Campos Neto für das inspirierende Gespräch und wünschen Ihnen weiterhin viel Erfolg, künstlerische Erfüllung und spannende neue Impulse auf Ihnem internationalen Weg.

13. April 2026

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